Conception Island: Kapitel 2

(Den Anfang der Geschichte findet ihr in Kapitel 1)

Es ist ein unruhiger Schlaf, durchzogen von Träumen vergangener Ereignisse. Gesichter ziehen an Jonathans geistigem Auge vorbei. Jenny, Dr. Lincoln, seine Mutter und sein Vater. Vater… . Der Anblick des kantigen Gesichtes seines Vaters mit den kurz geschorenen, grauen Haaren, dem Schnauzbart und den strengen grau-blauen Augen löst etwas in Jonathans Traumwelt aus. Etwas Unangenehmes.

Jon war noch ein Junge, gerade mal 8 oder 9 Jahre alt. Zu dieser Zeit lebten die Tylers in Sawston, einem kleinen Ort in der Nähe von Cambridge. Der Herbst zeigte sich von seiner schönsten Seite und Jon verbrachte seine Zeit mal wieder damit die Vögel zu füttern und zu beobachten. Singend flatterten die Spatzen, Meisen und Rotkehlchen um die hölzernen Häuschen und freuten sich über die zusätzliche Portion Nahrung. Während Jon mit seinem Fernglas von der Terrasse des Hauses aus das Federvieh beobachtet hörte er plötzlich den Gesang eines Vogels den er bis zu dem Zeitpunkt noch nie gehört hatte. Doch konnte er nicht ausmachen von wo genau die Laute des unbekannten Tieres kamen.

Es war ein äußerst melodischer Klang und wollte sich so gar nicht in die gezwitscherte Symphonie der restlichen Vögel einfügen. Anscheinend kam das Geräusch aus dem angrenzenden Wald und obwohl es schon langsam anfing zu dämmern, und Jon wusste das sein Vater ihm verboten hatte den Wald zu betreten wenn die Dunkelheit nahte, konnte er sich der fast schon hypnotischen Tonabfolge nicht widersetzen. Angespornt durch seinen wissbegierigen Geist betrat er also den Wald und tauchte immer weiter in ihn ein, nur von dem unbekannten Lied geleitet. Die Zeit verging, frisches Herbstlaub wehte von den Kronen der Bäume zum Boden hinab und die Schatten wurden allmählich länger. Ehe Jon sich versah war kaum noch Tageslicht vorhanden und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er schon seit geraumer Zeit die Orientierung verloren hatte. Zu allem Überfluss war das verheißungsvolle Lied des Vogels verstummt. Hatte er sich dies alles nur eingebildet? Er blickte sich um, aber konnte nicht feststellen wo er sich befand oder aus welcher Richtung er gekommen war. Er versuchte sich zu konzentrieren. Lauschte auf die Geräusche des Waldes, hörte das knarren der Äste im Wind, das rascheln des runterfallenden Blattwerks. Und auf einmal meinte er Schritte zu hören, ganz in seiner Nähe! Jon öffnete die Augen und blickte in die Richtung aus der er meinte das Fußgetrappel im Laub gehört zu haben. Doch konnte er wegen der fortgeschrittenen Dunkelheit nicht genug sehen. Aber dann war es wieder da! Das Fußgetrappel! Und zu seiner Verwunderung das ungewohnte Zwitschern des Vogels, welches ihn in diese missliche Lage gebracht hatte.

Und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse! Eine schwarze Gestalt kam hinter einem Baum zum Vorschein doch wegen des Zwielichts konnte Jonathan auch weiterhin nichts Genaues erkennen. Doch die hypnotischen Klänge kamen definitiv von dieser Gestalt.  Angst packte ihn. Er rannte blindlings los, nur weg von diesem Ding! Obwohl er schon einige hundert Meter zurückgelegt hatte war das Geräusch immer noch da und schien immer lauter zu werden. Dann stolperte Jon über eine überstehende Wurzel und fiel zu Boden. Schmerzen schossen durch sein Bein beim Versuch aufzustehen und er fiel erneut hin. Als er sich auf den Rücken drehte sah er die Gestalt direkt über sich stehen. Sie war in etwa zwei Meter groß und in einem dunklen Umhang gehüllt, aber das was sie erst richtig unheimlich macht war das, was unter der Kapuze des Umhangs hervorguckte. Es war der Kopf der auch von einem Raben hätte stammen können und dieser pfiff unentwegt die fremde Melodie. Das Wesen beugte sich tiefer über Jon, so dass der Schnabel seine Stirn fast berührte. Doch dann neue Geräusche und der Schein einer Taschenlampe! „JON!? JONATHAN? BIST DU HIER?“ rief die vertraute Stimme seines Vaters. Kaum traf der Schein der Lampe den Jungen, war die Gestalt auch schon vom Erdboden verschluckt, als sei sie nie dagewesen. Das letzte an was sich Jon erinnerte bevor er in Ohnmacht versank war das Gesicht seines Vaters. Das kantige Gesicht mit den strengen grau-blauen Augen.

Jonathan erwacht schweißgebadet aus seinem Traum. Langsam öffnet er die Augen und sieht sich um. Er befindet sich in seinem Zelt und der Helligkeit um ihn herum nach zu urteilen dürfte es schon später Vormittag sein. Ein Blick auf seine Armbanduhr bestätigt diese Annahme. Der Traum hat ein bedrückendes Gefühl in ihm zurück gelassen. Die Begebenheit im Wald hinter dem Elternhaus war schon Jahre her, aber so intensiv wie er es gerade im Traum durchlebt hatte war es noch nie gewesen. Und die Rabengestalt hatte er schon kurz nach dem Vorfall als Einbildung abgestempelt. Das Unterbewusstsein des Menschen hat ein Talent dafür längst vergessene Erinnerungen zu den unmöglichsten und unpassendsten Zeitpunkten wieder hervor zu holen, dachte sich John und schüttelt die Reste des Traumes von sich ab und steht auf. Mit ein paar geübten Handgriffen zieht er sich seine Outdoor-Kleidung an und öffnet den Reißverschluss des Zeltes. Ein sonniger Tag begrüßt ihn und die Sonne sticht vom Himmel herab. Nachdem erledigen der Morgentoilette machte Jon sich daran ein kleines Frühstück zu bereiten. Doch bevor er auch nur den ersten Löffel seiner Instantsuppe zu sich nehmen konnte hörte er es. Den Gesang eines Vogels, welchen er bisher noch nicht hören durfte auf Conception Island. Es war das Lied des Mahé-Brillenvogels.

Schnell schnappt sich Jon seine stets gepackte Ausrüstung, denn um einen Blick auf den scheuen Vogel aus der Familie der Zosteropidaen zu erhaschen muss man flink sein! Der komplexe, nasale Gesang scheint aus der Nähe zu kommen und kaum war der angehende Doktor der Ornithologie keine 50 Meter durch Buschwerk gekrochen sah er den Brillenvogel vor sich auf einem Baumstumpf sitzen, keine 10 Meter  entfernt. Das olivgrüne Gefieder, welches zum Bauch hin blasser wird, der lange dunkle Federschwanz und der weiße, enge Augenring. Es handelt sich definitiv um den seltenen Mahé-Brillenvogel! Behutsam nimmt er die Spiegelreflex-Kamera aus seiner Tasche und richtet sie auf das kleine Vögelchen. Es war gerade dabei einige Beeren von einem überhängenden Busch zu pickenn. Während es an einer Beere zerrt löst Jon den Auslöser seiner Kamera aus und kann vor Begeisterung fast gar nicht mehr aufhören zu knipsen. Als Jon sein Körpergewicht verlagern will, passiert es. Er zerbricht einen trocknen Ast am Boden und der flattern erschrocken davon. Über sich selbst ärgernd rafft Jonathan sich auf und begab sich in dieselbe Richtung wie der Vogel  geflogen war.

Ironischerweise erinnert die Verfolgung Jonathan an seinen Traum von letzter Nacht. Nur mit dem Unterschied, dass er diesmal das Objekt seiner Begierde bereits gefunden hat. Doch die Einsamkeit die er auf einmal verspürt ähnelt sehr der, die er auch als kleiner Junge damals im Wald erlebt hatte. Das Knarren der Bäume, das Rascheln der Blätter.  Lediglich das rauschende Meere gesellt sich noch dazu. Ansonsten ist es ruhig. Schon etwas zu ruhig wie er jetzt zu seiner Verwunderung feststellt. iST die Insel sonst erfüllt von den kehligen und artenreichen Gesängen der anderen Vögel, so hatte er heute bisher nur den des Brillenvogels gehört! Mit nachdenklicher Miene begibt er weiter durch den kleinen Dschungel der Insel, die man ohne Probleme innerhalb einiger Stunde komplett ablaufen konnte. In etwa der Mittel der Insel befindet sich eine kleine Frischwasseroase und als Jon diese erreicht, zeigt sich der Grund, warum das kleine Eiland in Stille gehüllt war.

Um die Quelle herum verteilt liegen unzählige Vogelkadaver! Paradies-Fruchttauben, Madagaskar-Turteltauben und was sonst noch an Vogelarten auf den Seychellen vorkommt. Ein Anblick, der für einen Naturschützer und Vogelkundler den reinsten Horror darstellt!  Gestern war die Insel doch noch voller Leben! Jon greift ein paar Einweg-Handschuhe aus seiner Ausrüstung und nähert sich den toten Vögeln. Dabei nimmt er eher beiläufig war, dass sich anscheinend keine Mahé-Brillenvögel unter den verendeten Tieren befinden. Er dreht einen der Kadaver mit der behandschuhten Hand um und stellt fest, dass keine äußeren Einwirkungen Auslöser für das Sterben der Tiere waren. Naheliegend war, dass die Quelle verseucht sein könnte, dass würde zumindest erklären, warum so viele Tiere anscheinend recht zeitnah ums Leben gekommen sind. Aber ob die Annahme richtig ist, konnte er erst in Dr. Lincolns Labor feststellen. Also fischt er ein Röhrchen und eine Plastiktüte aus seinem Rucksack für eine Probe des Quellwassers und die Dose für den luftdichten Transport  von einen der Vögel.

Und jetzt kommt ihm Dr. Lincoln in den Kopf! Er hatte ja noch gar nicht versucht wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen, nachdem die Verbindung am vorigen Tag so miserabel war. Umso wichtiger wurde es jetzt den Doktor zu erreichen und ihn über das Vogelsterben auf Conception Island aufzuklären. Zudem müssen die Proben so schnell wie möglich analysiert werden. Ohne groß Zeit zu vergeudet macht er sich auf zurück zu seinem kleinen Lager und greift zum Mobiltelefon, welches er im Jeep liegen gelassen hatte. Fünf Anrufe in Abwesenheit. Alle von seinem Mentor  in den frühen Morgenstunden! Jonathan ärgert sich, dass er nicht direkt nachdem aufstehen auf das verdammte Handy geschaut hat. Und wie es die Ironie des Schicksals so will, ist ausgerechnet jetzt mal wieder kein Empfang vorhanden. Wütend über sich selbst und den schlechten Empfang auf der Insel läuft Jon runter zum Strand und blickte in Richtung Mahé. Was er nun sah, ließ seinen Atem erneut stocken.

(weiterlesen in Kapitel 3)

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