Conception Island: Kapitel 1

Schon als Kind hatte sich Jonathan Tyler für Vögel interessiert. Im Haus seiner Eltern beobachtete er im Winter gerne die Vögel an den Futterhäuschen, die sein Vater in jedem Herbst aufstellte. Vögel wirkten auf ihn immer so neugierig, unermüdlich und gleichermaßen majestätisch.
Jeden Morgen machte er sich noch vor der Schule auf den Weg und füllte das Futter in den kleinen Holzhäuschen auf, auf das er vom Wohnzimmer seiner Eltern einen guten Blick hatte. Er malte die verschiedenen Arten, recherchierte stundenlang in Büchern genau, um welche Vögel es sich handelte und notierte wie viele verschiedene Arten sie pro Herbst “zu Besuch” hatten.

Sogar am Futter experimentierte er herum, um noch mehr Vögel zu locken. Er war damit sogar etwas zu erfolgreich, wenn es nach dem Geschmack seiner Eltern ging.
“Jonathan… Ich weiß, wie viel dir das bedeutet, aber wenn wir nochmal mit so einer Plage umgehen müssen, werde ich die Häuser nicht mehr aufbauen! Lass den Biestern ihren natürlichen Vorrat! Die scheißen mir den ganzen Zaun voll!” Michael Tyler war Jonathans’ Vater. Er war der klassische Mann im Haus.
Er hatte sich für seinen Sohn etwas Maskulineres als Interesse gewünscht, aber was solls.
Jonathan war der Stolz seiner Mutter und diese Beziehung war offensichtlich. Sie unterstützte ihn bei allem, was er tat.
Sie war jedes Mal gerührt, wenn er mit Stolz seine neuen Erkenntnisse gewonnen hatte, die schon in jedem Buch zum Thema zuvor fünfmal ausformuliert zu finden waren. Aber solange er den Spaß nicht verliert, war das für alle ok…

Als Jonathan erwachsen wurde, gab es für ihn immer noch nur ein Thema: Die Ornithologie! Dass die Vogelkunde so heißt, war ihm mittlerweile auch lange klar. So kam er zum Studium und langweilte sich in jeder einzelnen Vorlesung. Er hatte nicht erwartet, dass ihn die theoretische Ausarbeitung zu seinem Lieblingsthema so langweilen könnte.
Das lag aber weniger daran, dass sich seine Interessen veränderten. Viel mehr findet sich der Grund darin, dass er das meiste, was die Professoren ihm zu vermitteln versuchten, bereits wusste.
Er würde die ganze Welt bereisen und die Dinge verändern. „Bis ins All fliegt die Menschheit und vergisst dabei, dass es so viel Spannendes bereits in niedrigeren Regionen zu erfahren gibt.“ dachte er sich.

Er war kein typischer Streber! Etwas sonderbar in Kleidungsstil und Hobby, introvertiert, aber nicht unbeliebt. Er hatte Freunde, die ihn seit Beginn seines Studiums begleiteten. Da war zum Beispiel auch Jenny. Er hatte sie bei einer Demo gegen die Ausbeute der Natur kennen gelernt. Das war eine dieser Demos, bei denen sich die Studenten die Zeit vertrieben, um nicht in die Uni gehen zu müssen. So war auch zwischen Ihnen das eigentliche Thema des Tages schnell vergessen.
Jenny war das Mädchen von nebenan. Nett zu jedem, fand Sie besonders bei den Außenseitern schnellen Anschluss und Verehrung.
Nicht, dass Jonathan sich jemals Chancen bei ihr errechnet hätte. Aber die Hoffnung war da. Sie begleitete ihn die letzten Jahre und unterstütze ihn bei der Wahl seiner Doktorarbeit. Daran arbeitet er nun schon seit 2 Jahren.
“Die Erforschung des Verhaltens und die Betrachtung der Wahrscheinlichkeit der Wiederaufzucht in Gefangenschaft des Mahé-Brillenvogels.”
Dieses Tier faszinierte ihn. Ein Viertel-Jahrhundert galt es bereits als ausgestorben und tauchte plötzlich wieder auf.
Seine Art war noch in den späten 1990ern so stark dezimiert, dass keine weiterführenden Forschungen vorgenommen wurden. Die Befürchtung, alles sei hinfällig, falls er ausstirbt, konnte Jonathan jedoch nicht teilen.
Er war ergriffen von dem Gedanken: “Jetzt erst recht!”
Sein Ziel war es, genau zu analysieren, wie sich sein Lieblingstier verhält um ihn die bestmögliche Aufzucht zu ermöglichen. Das sollte sein Dienst an der Umwelt und an der Natur sein. Eine Verewigung in der einschlägigen Fachliteratur wäre allerdings auch nicht schlecht.

Da ist er also. In der Heimat des vielleicht seltensten Vogels der Welt. Conception Island. Das Meer rauscht in der Ferne und Jonathan sitzt konzentriert in seiner provisorischen Unterkunft. Die Zeltplane, die an seinen Geländewagen angeknüpft ist, bietet ausreichend Platz für ihn, seine Unterlagen und seine Geräte. Das Nachtsichtgerät wird über die Ersatzbatterie des Jeeps geladen. Hier liegen auch das Fernglas und sein Handy. Was hier witzlos ist, denn mitten im Wald hat er eh keinen Empfang.

Jonathan sitzt auf dem Beifahrersitz und notiert sich die wöchentlichen Ziele, die er erreichen will. Nachdem er den theoretischen Teil seiner Ausarbeitungen für den Doktortitel bereits soweit abgeschlossen hatte, pendelt er nun zwischen Mahé und Conception hin und her. Hier verbringt er immer ein paar Tage am Stück, um dann zurück auf die Hauptinsel der Seychellen zu fahren. Zum Tanken, Einkaufen, Wäschewaschen und Dokumentieren seiner Beobachtungen hat er in dem kleinen Ort nahe der Küste alles, was er benötigt. Er hat Zutritt zu einem kleinen Labor, wo er chemische Untersuchungen vornehmen kann.
Außerdem braucht er in regelmäßigen Abständen menschliche Nähe und etwas Zivilisation. Trotz aller Liebe zu seinem Job, würde selbst Jonathan ohne den Austausch darüber dabei durchdrehen. Auch wenn er gern alleine ist, so pflegt er doch regelmäßig die Gespräche mit Jenny und seinen Eltern per Internet-Telefon und mit seinem Mentor.

Dr. Benjamin Lincoln erwartet bei jeder Ankunft den jungen Wissenschaftler mit Spannung, was er für neue Erkenntnisse zu verkünden habe.

Der Dr. hatte extra für Jonathan eine Fähre organisiert. Er selbst lebt seit über 20 Jahren auf Mahé und betreibt hier ein kleines Labor als Standort des Magdalene College im Namen der Universität von Cambridge.
Die Jahre im tropischen Wetter sind Dr. Lincoln gut bekommen. Er ist ein ruhiger, entspannter und sehr intelligenter Mensch! Jonathan fühlt sich in seiner Umgebung sehr wohl, weil sie die gleiche Begeisterung für die Vogelwelt teilen und bei einer Flasche Wein bis spät in die Nacht philosophieren können.
Der Umgang ist locker, freundlich und respektvoll. Fast vertraut, wie zwischen Freunden. Aber dafür zeigt Jonathan zu viel Ehrfurcht gegenüber seinem Mentor.
Ihm hat er eine Menge zu verdanken. Dr. Lincoln verschaffte ihm vor ein paar Wochen die Stelle auf den Seychellen und hilft ihm immer noch, sich zu organisieren. Mit einem alten Higgins-Boot, dass vielleicht damals während den Waffenhandeln nach dem 2. Weltkrieg noch etwas wert gewesen war, übernimmt ein alter Freund von Dr. Lincoln die Überfahrten zwischen den Inseln. Der Weg ist nur ungefähr 2km, also schnell überwindbar. So kann Jonathan sein Hab und Gut im Auto lassen. Er ist auf diesem Weg wesentlich mobiler. Das weiß er zu schätzen und steckt dem Kapitän bei jeder Überfahrt ein großzügiges Trinkgeld zu.

Jonathan ist wieder auf Conception angekommen, als die Sonne ihren Zenit erreicht. Er ist immer noch auf der Suche nach einem geeigneteren Ort, um seine Beobachtungen fort zu führen. Er hatte bereits ein Exemplar seines Vogels ausfindig machen können, jedoch reichte das bisher nur für die eine Erkenntnis, dass er auf der richtigen Insel ist. Der Mahé-Brillenvogel ist scheu. Als hätte er nicht vergessen, dass die Menschen ihn einst durch die Rodung seines Lebensraumes beinahe ausgerottet hätten.

Das Sonnenlicht bricht durch die dichten Laubdecken der Wälder und vermittelt ein romantisches, aber befremdliches Bild. So viele Farben und Schatten. Jonathan kann den Anblick nicht genießen. Zu vertieft denkt er über den weiteren Verlauf seiner Forschungen nach.
Die Geräusche und Schreie der wilden Tiere stören ihn jedoch in seiner Konzentration. Leicht erschöpft streckt er seine steifen Arme. „Ich muss meinen Kopf frei kriegen! Sonst kommt mir nie die richtige Idee“, denkt er sich und beschließt, sich ein wenig die Beine zu vertreten.
Am Strand klettert er die Felsen auf eine Anhebung hinauf, um sein Glück mit dem Handy zu versuchen. Etwas Unterhaltung wird ihm jetzt gut tun.
Er tippt die Nummer von Dr. Lincoln.
Dann hört er, wie das Handy die Nummern wählt. Aber nichts. Nicht mal das Freizeichen. „Scheiß Netz! Nicht zu fassen…“ murmelt er und versucht es noch einmal.
Mit kratzender, gütiger Stimme meldet sich Dr. Lincoln.
„Wa… Jetz`… `on… `imweh?“
„Ich kann Sie kaum verstehen Dr. Lincoln, ich versuche ein etwas besseres Netz zu bekommen!“ Spricht es und fängt dabei an, mit seinem Telefon am Ohr in höheren Ebenen eine bessere Position zu suchen.
„Ich kann… `ich… `rstehen!“
„Können mich, oder können nicht?“ ruft Jonathan in den Hörer. Dann ist die Verbindung wieder weg.
Jonathan beschließt den Akku zu schonen und spart sich den nächsten aussichtslosen Versuch. Er klettert wieder hinunter auf den kargen, felsigen Strand.
Es ist sehr unwegsames Gelände, auf dem er sich befindet. Felsen und Steine. Kein weicher, warmer, weißer Sandstrand, wie aus dem Reisekatalog. Seine Wanderschuhe waren für das Klima eine Katastrophe aber hier absolut notwendig. Trotz dieser rustikalen Urzeit-Idylle fand er den Anblick ins weite Meer atemberaubend schön.
„Jetzt habe ich Arbeit an einem der schönsten Orte der Welt und weiß nicht, was ich hier tun soll!“ schimpft Jonathan mit sich selbst. Nach ein paar Schritten auf und ab mit dem Blick auf die harte Brandung an den Felsen der Abhänge, sucht er sich erneut seinen Weg zum Lager.

Es ist noch sehr hell und sie Sonne scheint mit aller unerbittlichen Kraft. Jonathan ist erschöpft von dem Klima und ist dennoch motiviert. Aber in diesen Breitengraden wird es fast überraschend schnell dunkel. In der einen Minute könnte man noch per Handzeichen von der Nachbarinsel ein Taxi rufen und in der nächsten sieht man nicht mal wo der nächste Baum im Urwald steht.
Jonathan war darauf vorbereitet. Er ist schließlich nicht erst seit gestern hier! Dinge, die ihn damals noch panisch hätten reagieren lassen, meistert er hier nun mit aller Routine.
Conception Island ist klein. Sehr klein! Man könnte die ganze Insel innerhalb eines Tages, ohne Probleme bewandern und komplett begutachten. Wenn der dichte Urwald nicht wäre. Jonathan kennt nach all den Wochen nur eine Küste und nur einen kleinen Teil der Insel.
„Wie kann man denn so viel Zeit an ein und demselben Ort verbringen? Das muss doch auch für dich irgendwann langweilig werden“ vermutete letztens seine Mutter am Telefon.
„Das ist relativ einfach! Ich bin hier nicht zum Urlaub, sondern suche eine Art Nadel im Heuhaufen! Da muss man sich mit jedem Quadratmeter genau auseinandersetzen! Das hier ist dichter Urwald und nicht mit einem Blick zu erfassen.“ erwiderte Jonathan genervt. Er ist sich durchaus dessen bewusst, dass seine Arbeit schleppend voran geht.

Er stellt sich seinen Gaskocher auf und macht sich sein Lieblingsessen. Nudeln mit Soße aus der Tüte. Zumindest sollte man annehmen, dass es sein Lieblingsessen ist. Er lebt seit Tagen von kaum etwas anderem. Ehrlich gesagt ist es aber wohl schlicht und einfach das Einzige, was haltbar, einfach zu kochen und leicht zu transportieren ist. Tüte auf, Wasser drüber kochen lassen, fertig. Die Erfinder dieser Produkte verdienen einen Nobelpreis!
Zurückgelehnt auf der Ladefläche studiert er erneut seine eigenen Dokumente. „Irgendwas muss ich übersehen haben. Ich weiß, dass du hier irgendwo steckst“ denkt er sich. „Ich finde dich und werde dich retten. Ob du willst oder nicht!“ dramatisiert Jonathan amüsiert weiter.
Über die Zeit seiner Gedanken ist es dunkel geworden.
„Verdammt!“ entsinnt sich Jonathan. „Ich wollte noch den Müll wegräumen. Sonst hab ich hier alles voller Ungeziefer!“
Er schnappte sich seine Öllampe und macht sich schnell auf den Weg zu einer kleinen Lichtung nahe dem Strand. Dort wäscht er mit seinem Trinkwasser das Geschirr und Besteck. Das Klimpern der Blechschüsseln hallt durch den ganzen Wald.

Es ist stockdunkel. Innerhalb einer halben Stunde ist plötzlich nichts zu erkennen, außer dem dunkel schimmernden Licht seiner Innenbeleuchtung am Auto.
Er hatte sich angewöhnt, immer ein Licht in der Nacht brennen zu lassen, damit er im Notfall wieder zurückfinden könnte.
Das Internet ist Gold wert, wenn es um das Vermitteln von Tipps in Notsituationen angeht. Zum Beispiel Licht aus verschiedenen Energiequellen sind überlebenswichtig. Autobeleuchtung, Taschenlampe, Öllampe…
Gedanken an seinen Weg bis hierher und eben auch der Gedanke an den Plan für den nächsten Tag begleiten Jonathan jeden Abend. Er ist unzufrieden mit sich. Er hatte sich das irgendwie anders vorgestellt. Einfacher.
Er dreht die Flamme seiner Öllampe kleiner und schaltet das Licht im Wagen aus. Ohrenschützer rein, um sich gegen den Lärm der Nacht zu schützen. Er schließt die Reißverschlüsse seines Zeltes. In Gedanken bei seinen Freunden schläft er ein.

(Weiterlesen in Kapitel 2)

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