Conception Island: Kapitel 3

(Zuvor in Kapitel 2)

Die Küste von Mahé war dunkel, fast schwarz, wie die Nacht. Tiefgraue Wolken kreisten über den Hütten des Labors und der Einwohner. Das Wasser schien mit hoher Geschwindigkeit Richtung Küste zu fließen wie in einen großen Abfluss. Dabei sprudelte es bedrohlich. Das Higgins-Boot lag lichterloh brennend am Strand. Die See verschlang es buchstäblich mit seinen wellenhaften Fängen und drückte es an den flachen Grund. Dr. Lincoln rannte Richtung Küste und winkte angsterfüllt in Richtung Jon. Was sollte er tun? Wie sollte er helfen?

Plötzlich ist alles schwarz. Jon schreckt unter seiner Plane mit einem Herzschlag auf, der ihm die Brust zu zerreißen scheint. Er ist wach. Endlich. Was hatte das zu bedeuten? Das war alles so real. Es muss noch mitten in der Nacht sein. Im sanft aufhellenden Schimmer seiner Öllampe sieht alles noch so unwirklich aus. Jon braucht ein paar Minuten, um sich zu orientieren. Aber schließlich kann er akzeptieren, dass alles nur ein Traum war. Erschöpft von der wenig erholsamen Nacht lässt er sich zurück auf seine Matte fallen. “Das ist neu. So was hab ich noch nie erlebt…” denkt er sich und philosophiert über die Bedeutung vom Träumen in Träumen. Mit ihm scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen. Oder ist das nur das Resultat der Unsicherheit bei seinem Tun? Soll er etwa lieber seiner Gesundheit zu liebe aufhören? Nein! Diesen Gedanken zerschlägt er. Das sind doch nur Ausreden.
Er muss etwas unternehmen. Der Traum hatte ihm so viel Angst eingejagt, ob er in der Einsamkeit durchdrehen könnte, dass er beschließt heute einfach mehr zu erkunden, als darauf zu warten, dass das Objekt seiner Begierde im wahrsten Sinne zu ihm geflogen kommt.
So langsam graut der Tag auf. Er erkennt die Schatten seiner Umgebung und bereitet sich im Licht seines Kochers schon mal den Kaffee für sein Frühstück.

Die ersten Sonnenstrahlen erhellen das Dickicht des Unterholzes. Jonathan hatte bereits seine wichtigsten Sachen im Rucksack zusammen gepackt. Das Auto muss er nun zurücklassen. Mit ihm kommt er nur wenige Meter in den Wald. Er wollte ihn eher als Lastenfahrzeug verwenden, oder um am Strand von einer Seite zur anderen zu kommen. Aber im tiefen Wald ist damit kein Vorankommen möglich.
“Ich muss aktiv werden.” spricht er sich Mut zu. Es wird das erste Mal, dass er in Regionen vorstößt, ohne schützendes Auto oder ohne schnell in Sichtweite von Mahé gelangen zu können. Ihm ist etwas mulmig zu Mute. Auf geht’s. Mit jedem Schritt geht er etwas tiefer in den Wald hinein. Alle paar Meter dreht er sich um, um zu sehen, ob er noch Blickkontakt zu seinem Lager halten kann. Als der Blick jedoch endgültig in alle Richtungen gleich aussieht, atmet er tief durch und ging weiter.
Er summt leise vor sich hin, um sich etwas ab zu lenken. Plötzlich hört er es. Leise, aber es ist da! Das Singen des Mahé-Brillenvogels. “Na also” flüstert er und versucht die Richtung zu filtern, aus der er das Pfeifen hört. Konzentriert mit dem Blick in die hohen Gipfel der Bäume geht er langsam voran. Über steinige, überwucherte Ebenen und umgefallene Bäume bahnt er sich seinen Weg. Die hochgewachsenen Laub- und Farn-Gewächse verdunkeln seine Umgebung. Plötzlich stolpert er über ein Loch im aufgelockerten Boden. Jonathan stürzt nur knapp mit einem Kopf an einem kleinen Felsen vorbei. Der Schreck steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er atmet ein und rafft sich wieder auf. Beim Abklopfen des Drecks von seiner Hose blickt er auf etwas Seltsames am Fels, der beinahe Teil seines Schicksals geworden wäre.

Eine Art Zeichen. Striche, die etwas darzustellen scheinen, aber er kann es nicht deuten. So was hatte er noch nie gesehen. Irgendetwas Altes. Aber dafür sah es zu frisch aus. Gedanklich fängt er sich schnell, als erneut und mehrfach sein so vermisster Gesang durch die dichten Blätterschichten dringt. Diesmal wird alles gut gehen. Zügig aber vorsichtig bewegt er sich vorwärts. Das Licht erreicht nur noch in vereinzelten Strahlen den Waldboden. Er erkennt einen kleinen Bachlauf, rechts von sich. Hier muss irgendwo eine Quelle sein. Das Wasser war klar und sauber. Nach einigen Minuten erkennt er vor sich einen Fels. Er ist steil aber kantig. Als er am Fuße ankommt ist klar woher die Quelle stammt. Direkt vor ihm breitet sich das Sammelbecken des herabfallenden Wassers aus. Nur ein paar Meter im Durchmesser. “Mh… Das lädt auch zu nem längeren Aufenthalt ein. Frischwasser…” denkt sich Jonathan und füllt seine Flasche auf. Das Klima macht ihm nach dem beschwerlichen Weg zu schaffen. Seinen letzten Tagesvorrat hatte er bereits vor einer Stunde verbraucht. “Das kommt genau richtig!” Von hier kann er gut erkennen, dass der Fels über die Gipfel der Bäume ragt. Er will unbedingt nach oben. Die Mahé-Brillenvögel halten sich in der Regel sowieso in den hohen Regionen der Wälder auf. Dort hat er also die besten Chancen.

Er greift sich seine Handschuhe und beschließt den Berg hinauf zu klettern. Schritt für Schritt und Griff für Griff wird der Grund des Bodens immer kleiner.  Diese Hitze… Die hohe Luftfeuchtigkeit macht ihn fertig, aber hinabklettern ist jetzt keine Option mehr. Mit kneifenden Augen blickt er nach oben, um zu schätzen wie weit es noch sei.
Die Sonne scheint ihm direkt ins Gesicht. Er kann nichts erkennen. Nur einen Schatten. Eine unklare Silhouette. Etwas Seltsames. Er ist nicht sonderlich beeindruckt, da er es nicht erkennt, aber neugierig ist er schon. Er reibt sich seine Augen, die vor Blendung beginnen zu erblinden. Als er wieder nach oben Blickt ist da nur die Sonne. Dieser helle, heiße Feuerball, der ihm einen Streich zu spielen versucht. Wie auch immer. Er muss weiter.
Ein kleiner Vorsprung gibt ihm die Möglichkeit, sich an zu lehnen und zu trinken. “Du musst fit bleiben! Reiß dich zusammen! Nur ein kleines Stück” spricht er sich Mut zu.
Nur noch ein kleines Stück… Gerade die Hälfte hatte er erreicht. Aber der Blick für die Verhältnisse fiel ihm schwer. Die Anstrengungen der Nacht und das Wetter führt ihn an seine Grenzen. Langsam und vorsichtig nähert er sich der oberen Grenze der Bäume. Als er diese übersteigt erwartet ihn ein Anblick, den er nie wieder vergessen will. Conception Island liegt ihm zu Füßen. Nein! Die ganze Welt!

Endlich erreicht er auch den Gipfel der Felsen. Die kantigen, unbequemen Steine sind ihm egal. Jonathan setzt sich an den Rand und schaut in die Ferne. Ein großer Schluck und eine kurze Dusche unter dem frischen Wasser aus seiner Feldflasche lässt ihn entspannen. Das ist das Leben! Diese Freiheit hatte er sich für seinen Trip gewünscht. Kurz ärgert er sich über sich selbst, seiner Skepsis und dass er diesen Schritt nicht schon viel früher getan hatte. Er ist auf dem Dach der Insel. “Ob ich hier Empfang habe?” denkt sich Jon und sucht nach seinem Handy.
Mal wieder wählt er die Nummer von Dr. Lincoln.
“Hallo Jonathan. Können Sie mich diesmal verstehen?” klang die freundliche Stimme des Dr. durch den Lautsprecher.
Jon grinste und freute sich riesig. “Ja, ich kann Sie verstehen. Wie ist es bei Ihnen?”
“Ich kann Sie auch verstehen! Danke, dass Sie sich nochmal melden, ich habe mir ein wenig Sorgen gemacht, nach Ihrem letzten Anruf!” sagte Dr. Lincoln mit einem verwunderten Unterton.
“Ja, ich hatte ein paar Probleme, meine Forschungen voran zu treiben. Daher hatte ich auf einen Rat gehofft, aber ich bin heute Morgen einfach mal tiefer in den Dschungel vorgestoßen!”
“Und dort haben Sie so einen Empfang?” lachte Dr. Lincoln in den Hörer.
“Nein. Natürlich nicht! Ich bin auf einem Felsen. Wie es scheint, ist das, soweit ich das beurteilen kann, der höchste hier. Ich bin über den Bäumen. Das funktioniert ja prima. Auch wenn es eine echte Tortur war, mich voll bepackt hier hoch zu quälen.” erzählt Jon stolz.
“Na dann nehmen Sie alles auf, was sie finden können! Diese Aussicht werden Sie nicht mehr jeden Tag genießen können, wenn Sie sich noch weiter in den Wald bewegen.” ergänzt Dr. Lincoln.
“Ja, Sie haben Recht! Ich werd mich sofort wieder an die Arbeit machen! Vielen Dank für ihre Zeit. Ich melde mich morgen nochmal und berichte, was ich gefunden habe. Bis dann, Dr. Lincoln”

Jon baut seinen provisorischen Arbeitsplatz auf dem Felsen auf und entschließt sich einige Fotos zu machen, die er zuhause zeigen kann. Schließlich ist nicht alles nur Arbeit.
Dabei sieht er sie. Einen ganzen Schwarm des Brillenvogels. Ein Foto nach dem Anderen füllt die Speicherkarte seiner Spiegelreflex. Er kann sein Glück kaum fassen und läuft auf der oberen Plattform auf und ab und schießt Fotos.
Dr. Lincoln wird begeistert sein, wenn er sieht, dass sich die Population in den letzten Jahren offensichtlich wieder erholt hat. Doch wie viel Platz würde der Vogel brauchen, um wieder aus der Gefährdung zu gelangen und würde er dazu ausreichen Platz auf dieser kleinen Insel finden?
Dazu muss er sich Gedanken machen. Er muss zurück ins Lager, bevor es dunkel wird. Einige Stunden sind auf dem Felsen vergangen und so hat er genügend Energie und Motivation getankt. Er packt seine Sachen zusammen und macht sich auf den Weg. Dieses Mal scheint ihm der beschwerliche Weg weniger aus zu machen. Er muss morgen wieder hier her kommen. Nur wie sollte er sich den Weg merken? Das Lager findet er jederzeit zur Not über das GPS in seinem Handy und im Wagen und selbst da tut er sich mit der Orientierung schwer.
Er beschließt, alle paar Meter die Bäume zu markieren. Er kratzt kleine Rillen in die Rinde. Aber nur so, dass er sie gerade sehen kann. Schließlich will er diese seltenen und uralten Bäume nicht ernsthaft verletzen.
Glücklich, voller Adrenalin, aber sehr erschöpft erreicht Mark knapp vor dem Einbruch der Dunkelheit seinen Jeep.

Wie üblich und mit aller Selbstverständlichkeit bereitet er sein Lager wie all die anderen Nächte vor.
Er begibt sich in sein Zelt und lädt die geschossenen Fotos auf seinen Laptop. Begeistert von der Aussicht und den Aufnahmen, die ihn endlich etwas näher ans Ziel führen könnten, besichtigt er jeden Schnappschuss ganz genau.
Doch etwas beunruhigt ihn auf ein paar Bildern, die ihm ins Gesicht scheinen. Aber er kann es nicht einordnen. Es war die seltsame Silhouette, oben vom Fels.

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